Cyclelife BLOG

13 Jun 2017

Mit Marcel Wüst durchs Tannheimer Tal

Erfahrung

Zweifelsfrei steht meine Vorbereitung für die L´Etappe in 5 Wochen auf etwas wackligen Beinen. Falls es mir, entgegen jeder Trainingstheorie, doch gelingen sollte die Veranstaltung zu überleben, schreibe ich ein Buch darüber und werde steinreich. Falls nicht, war ich zumindest mal dabei.

Hilfe allerdings gibt es bereits. Direkt nach meinem Blog hat sich Steffi aus dem Tannheimer Tal bei mir gemeldet. Das Tannheimer Tal gehört definitiv zu meinen liebsten Rennrad Revieren und markiert für mich in östlicher Richtung die Grenze des Spielplatzes Rennradrevier Bodensee.

Wir haben eine kleine Ferienwohnung bei Oberstdorf und sobald es die Temperaturen zulassen, gehört es zu den luxuriösen Optionen eines Wochenendes, am Freitag das Seeufer zu verlassen und in Richtung Bergwelt aufzubrechen, welche einen am Horizont bereits erwartet. Gerne früh am Tag, um sich bei Arbon in der frühen Morgensonne mit einem Sprung in den See und einem Espresso in der Wunderbar gebührend vom See zu verabschieden. Olli, Du weißt wovon ich spreche?

Den Samstag dann zumeist durchs Tannheimer Tal, welches nahtlos auf diesem Niveau anknüpft. Im Grunde wäre es bereits ein geiler Tag auf dem Rad, dieses wundervolle Hochtal 8 Stunden in einer Art Ping Pong Kurs zu kreuzen. Einfach nicht mehr rausfahren aus dem Tal, nur hin und her. Das ist machbar! Das Tannheimer Tal ist der Inbegriff einer puren Verschwendung von Bergkulissen, Seen und kleinen Dörfern. Es ist real, sonst wäre es Kitsch. Vielleicht ist es auch realer Kitsch? Am Ende ist es geil und es gibt Espresso.

Und dann kommen wir noch kurz zum kleinen Sahnehäubchen für uns Rennradler. Der Geschäftsführer des Touristenverbandes Tannheimer Tal -Michael Keller- ist? Ganz genau, leidenschaftlicher Rennradler. SEKT JETZT! Dieser nicht ganz unwesentliche Umstand schimmert dann auch ganz dezent durch die Marketingstrategie. Man könnte auch sagen: Er knallt voll durch!

Der Tannheimer Tal Marathon als Event ist bereits seit mehreren Jahren eine fest etablierte Veranstaltung und dabei aus meiner ganz persönlichen Perspektive, eine der definitiv angenehmeren Veranstaltungen. Der Spaß-Faktor steht nämlich ganz eindeutig im Vordergrund. Wer keine zwingende Notwendigkeit in der Herausforderung einer 230 km Distanz mit 3500 Höhenmetern sieht, der darf sich wahlweise auf 130 km oder 85 km verewigen und ich garantiere der Espresso schmeckt bei diesen Distanzen genauso gut, man hat ggf. sogar mehr Zeit für einen zweiten.

Wer sich jetzt für dieses Event anmeldet, den Computer runterfährt und sich anschließend in der Stille des Raumes selbst fragt: „Verdammt, bin ich irre? Was habe ich getan?“, der ist im Rahmen der Vorbereitungswoche im Tannheimer Tal, welche immer um Pfingsten herum stattfindet am richtigen Ort. Da empfängt einen Marcel Wüst himself und spendet erstmal tröstende Worte, bevor man sich gemeinsam Strategien überlegt, wie man die anvisierte Distanz eventuell doch bewältigen könnte. Und das wiederum unter dem Spaßfaktor für jedermann. Angeboten werden in dieser Woche nämlich von der Racertruppe auf der Suche nach Pässen und Höhenmetern alles bis runter zur Cappuccino Ausfahrt mit Kaiserschmarrn.

Da bei mir der Moment des „Verdammt, bin ich irre? Was habe ich getan?“ zu einem Art Dauerschleife meiner Tage wurde, seit die l`Etappe sich selbst verfestigte, kam mir das Angebot von Steffi im Rahmen dieser Vorbereitung mal vorbeizuschauen einfach wahnsinnig gelegen. Die Vorbereitungswochen im Tannheimer Tal bereiten auf alles vor, da ist man nicht kleinlich. Wir waren uns dann auch relativ schnell darüber einig, dass es im Rahmen einer Cappuccino Ausfahrt eigentlich am besten passen würde. Großartig!

Es kann ja nicht schaden sich noch ein paar Tipps vom Etappensieger Marcel Wüst zu holen. Der rettet, was zu retten ist. Außerdem war ich dieses Jahr noch gar nicht im Tannheimer Tal unterwegs und ich habe echt Lust darauf gehabt. Also Rock`N Roll!

An dieser Stelle ein kleiner Einschub, als Vorgeschmack auf den Blog „Wie verbinde ich Rennrad und Familie?“ Als eher ungünstig hat es sich erwiesen, ein derartiges Gespräch mit der Idee eine Rennradtour durchs Tannheimertal machen zu wollen zu eröffnen. Erfolgsversprechender: „Schatz, wie wären eigentlich mal ein paar ganz entspannte Tage in Oberstdorf? Mal etwas Ruhe, Tapetenwechsel und etwas shoppen?“ Klingt anders und erntete zustimmende Worte. „Da könnte ich ja sogar mal das Rad mitnehmen? Vielleicht drehe ich dann mal eine Runde.“ Perfekt! Eingetütet! Die Familie sanft ins Auto verfrachtet und Kurs Oberallgäu angelegt.

Samstag dann Rad ins Auto und rüber ins Tannheimer Tal. Treffpunkt immer morgens um 10:00 Uhr an der Tourstikinfo. Das ist machbar, selbst wenn man nur einen Espressokocher als mobile Version dabei hat.

Und dann steht er da: Marcel Wüst. Sieht ganz normal aus, fast schon menschlich. Nach 5 Minuten wird klar, nicht nur menschlich, sogar Kölscher Jung durch und durch. Der Mann ist nicht schüchtern und haut noch auf dem Parkplatz stehend seine Tipps raus. Und jeder hat da mal eben 1-2 Fragen.

Locker werden die Wünsche der Gruppe zur anstehenden Ausfahrt gesammelt und auf dieser Basis zwei Gruppen gebildet. 3,2,1 los!

„Also Marcel, ich bin da jetzt recht unverhofft in die L` Etappe gerutscht und da wären jetzt einige Tipps sehr willkommen.“

„Tipp 1: Da hast Du jetzt ein Problem.“

Er bringt es auf den Punkt und jetzt habe ich nichts zum Schreiben dabei. Mist! Hoffentlich kann ich mir das merken … e i n Problem. Meinem Gefühl nach sind es eher 180 Probleme in der Länge und 3500 in der Höhe.

Michael fährt auch mit und teilt sich die Funktion als Guide mit Marcel etwas auf, was in der praktischen Umsetzung zu recht unterhaltsamen Dialogen zwischen den beiden führt. Auf jeden Fall ist das Resultat eine verdammt geniale Panorama Tour im oberen Luxussegment.

Rein videotechnisch mache ich dabei ebenfalls völlig neue Erfahrungen. Impressionen auf einer Ausfahrt sammeln, wenn man die Strecke nicht kennt. Das ist es, was die Spreu vom Weizen trennt! Es geht natürlich komplett schief, man darf sich nur nichts anmerken lassen. Für gewöhnlich fahre ich sporadisch mal ein Stück vor und filme die Gruppe dann im Vorbeiflug. Kann hier ja auch nicht schaden, oder?

Dumm nur, wenn man dann in die Pedale tritt um vorzupreschen und nach 200 Meter bemerkt, dass man in eine 14 % Steigung reinrudert. Puls gerät außer Rand und Band, Kopf denk „Shit“, aber völlig klar ist:  Jetzt nicht aufhören zu treten, wie peinlich wäre das denn bitte? Weiter, weiter … Auf der Kuppe angekommen vom Rad springen und mit Puls 190 auf der Wiese nebenan positionieren. Unfassbar, wie wenig Vorsprung man rausfahren kann, wenn man doch gerade den Antritt seines Lebens auf den Asphalt gebracht hat. GoPro in Position und dann GO!

Es ist ein schwer zu beschreibendes Gefühl, wenn die Truppe dann in einem 3 Sekunden Zeitfenster an einem vorbeigedonnert ist, man die GoPro -noch immer bei 170 Puls- einklappt und feststellt, dass man den „Aufnahme“-Knopf eben wohl nicht richtig gedrückt hatte. Großes Kino!

Da steht man dann und schaut der am Horizont kleiner werdenden Gruppe nach. Fragt sich, ob man die überhaupt jemals wieder einholen wird. Redet sich ein, dass man ganz viele andere, sicher ganz tolle Aufnahmen schon im Kasten hat und stellt fest, dass Segeln eigentlich auch ein schönes Hobby wäre.

Im Ganzen sieht man einfach ziemlich deppert aus vermute ich, man fühlt sich jedenfalls so.

Die Tour wird stilvoll abgerundet durch die Kombination aus kultureller Begleitung von Michael, welcher die Gruppe immer sporadisch an Hot Spots versammelt und etwas zu Kirchen, Schlössern und der passenden Geschichte dazu erzählt und Marcel, welcher immer mal wieder zu einem auffährt und Tipps zur Fahrtechnik aus seiner Schatzkiste holt, die erfreulicher Weise nicht den 08/15 Tipps von der Stange gleichen, welche man sich sonst gern gegenseitig über die Straßen zubrüllt.

Im Gegensatz zu vielen guten Ratschlägen aus Internetforen, welche einem von bis dato völlig unbekannten Fahrern mit einer schier unvergleichlicheren Vehemenz und Selbstsicherheit angetragen werden, hat man bei Marcel einfach auch das charmant gute Gefühl, dass hier jemand etwas von der Sache erzählt, der sich damit auch ganz passabel auskennt. Schalten am Berg, Bremstechnik in der Abfahrt, Sitzposition oder Pinkelpause ohne Privatsphäre, volles Programm.

Es gibt schlechtere Momente

Ihr merkt es schon, da war viel Gefühl im Spiel und als wir dann in Füssen auf einem wahrhaft historischen Innenhof platziert standen, begleitet von einer kulturellen Verortung der Gegebenheit durch Michael, da ging es mit mir durch und ich habe Marcel einen Antrag gemacht. Der rote Teppich lag bereits aus und was soll ich sagen, es hat geklappt. No more words! Szene im Video!

Wenn etwas so richtig, richtig gut ist, dann braucht es ein Gegengewicht um alle wieder auf den Boden der Tatsachen zurückzuholen. Dieses Gegengewicht war in diesem Fall die gewählte Einkehr, kurz vor der letzten Etappe zurück ins Tal. Der Planungsstab hatte sich auf Gruppenkonstellation, Streckenführung und Ankunftszeit konzentriert und unbemerkt hat jemand als Einkehr dann eine Gaststätte ins Programm gebracht, welche man getrost mit dem Prädikat „Was war das?“ umschreiben darf. Ich glaube die Frage, ob es ein Stück Kuchen gibt wurde etwa 10mal gestellt und die Antwort lautete stets „Nein, aber Pasta oder Lasagne vielleicht?“ Ich sage es wie es ist, es gab keine Barista in dem Laden. Basta!

Angesichts einer letzten anstehenden Steigung zurück ins Tal, verspürte kaum jemand Lust auf Pasta. Kaum bedeutet, dass durchaus auch zweimal Pasta bestellt wurde. Chapeau! Direkt neben mir auch gern ein Eis mit Sahne. Mal ganz ehrlich lieber Gott, warum zur Hölle sind solche Menschen ein Blatt im Wind und ich eine Kugel im Erdbeben? Ahhhhh!

Fakt ist, dieser kleine Ausfall konnte dem Gesamtpaket nichts anhaben. Allein die letzte Etappe zurück ins Tal, über Feldwege, vorbei an Gebirgsbächen und durch Kuhherden. Wahnsinn! Ich kam mir zeitweise vor wie in einem Werbevideo und spätestens bei den Kühen beschlich mich der leise Verdacht, dass die Jungs und Mädels vom Tourismusbüro hier die Hände im Spiel haben. Steffi versicherte mir aber mit einem professionellen Pokerface „Normalzustand“. Wieder zurück in Tannheim wurden wir von einem Dorffest, inklusive Blaskapelle begrüßt, ich schiele zu Steffi rüber. Normalzustand?

Meine lieben Freunde im Tannheimer Tal, ich danke für die tolle Runde. Marcel, Granate! Einen lieben Gruß an dieser Stelle von so einem „Blogger Arschloch“. 😊  Ich habe keine Ahnung, ob ich die L`Etappe jetzt überlebe, aber ich habe das Märchenschloss gesehen. Ich bin bereit!

 

 

ben-jorga

4 comments

  1. Danke Ben, wunderbarer Blog!

    Antworten
  2. Hallo Ben,
    es war uns eine Ehre und große Freude, dass Du dich unserer Cappuccino-Gruppe angeschlossen hast! Der Blog der daraus entstanden ist spricht Bände. Es war wundervoll! Wir denken, dass wir dir einen kleinen Einblick in die Rennrad-Welt des Tannheimer Tals gegeben haben. Hoffentlich wird sich bei den etwa 2.500 Kilometern rund um das Tiroler Hochtal und dem Rad-Marathon Tannheimer Tal nochmal eine Gelegenheit bieten, um genussvoll gemeinsam in die Pedale zu treten!
    Viele liebe Grüße aus dem Tannheimer Tal,
    Steffi

    Antworten
  3. Vielen Dank Ben, sind wirklich tolle Bilder geworden. War immer lustig zu sehen, wie Du voran gefahren bist und gefilmt hast 🙂 Der Blog ist auch super humorvoll geschrieben!
    Frohes Radeln wünsche ich allen und ich werde wieder nach Tannheim kommen, das ist sicher ….. to be continued, Cheers

    Antworten
  4. Und ob ich das weiß lieber Ben! Die Erinnerung an dieses Erlebnis zaubert mir sofort wieder ein glückliches Lächeln ins Gesicht! Es war einfach der perfekte Start in den Tag! ☺️
    Ähnlich genial ist der Abstieg von der Kühroint-Hütte früh morgens über den Rinnkendlsteig mit anschließender Abkühlung im Königssee- aber eben doch anders!
    Lass uns das Ding Ende August einfach noch Mal rocken!☕️ Ich hab echt Bock…

    Antworten

Write a Reply or Comment